Also hat Gott die Welt geliebt...

Lieber Karl,,
im Anhang befindet sich der Bericht über den Gefängnis-Aufenthalt einer Paderborner Mutter, Frau Olga Block.
Sie macht sich ein wenig Sorge darüber, dass womöglich durch die Weitergabe dieses Berichtes die Gefängnisleitung bezüglich der bisher gewährten Kontaktmöglichkeiten der Gefangenen untereinander, wodurch so wunderbare Gelegenheiten zum Evangelisieren geschenkt wurden, von oben her unter Druck gesetzt werden könnte, sodass bei zukünftigem Absitzen von Haftstrafen solches nicht mehr möglich wäre. Das wäre sehr schade. Darum meine Bitte: nur gezielt weitergeben - immer mit Gebet und mit dieser Frage im Herzen.

Auch der Bericht des Paderborner Vaters, Herrn Waldemar Block, soll in den kommenden Tagen fertiggestellt und versendet werden. Auch er hat so mancherlei Begegnungen erlebt, die ihn und uns erfreuten.


Mit freundlichen Grüßen
Christa Widmer



„Ich will den Herrn laut preisen mit meinem Munde,

und inmitten vieler will ich Ihn rühmen,

weil Er dem Armen zur Seite stand,

um ihn zu retten vor denen,

die ihn verurteilten."

Ps. 109,30-31



Gefängnisaufenthalt einer Paderborner Mutter

in der JVA Heidelberg

06.-15.10.2006





Frankfurt, den 20.10.2006

Liebe Geschwister und Freunde,



am 06.10. war Frau Olga Block inhaftiert worden. Sie gehört zu den Paderborner Eltern, die vor 2 Jahren ihre Kinder in der Verantwortung vor Gott aus der Schule nahmen, um sie zu Hause zu unterrichten. Nachdem die Behörden mancherlei Zwangsmittel eingesetzt und Sorgerechtsentzug angedroht hatten, versuchten 6 Mütter – unter ihnen auch Olga –, den Hausunterricht in Österrreich fortzusetzen, wo solches legal ist. Doch die Paderborner Behörden hatten die österreichischen beeinflusst, sodass diese auch dort den in einem christlichen Freizeitheim stattfindenden Hausunterricht nicht erlauben wollten, mit der Begründung, die Mütter wollten dort anscheinend – weil sie alle zusammen in jenem Heim wohnten – eine Schule gründen, und das würde nicht genehmigt. So mussten diese Familien wieder nach Deutschland zurückkommen und fanden dann eine gute christliche Schule in Heidelberg. Sie mieteten dort ein Haus, wo die Mütter mit den Kindern die Woche über wohnen können.



Doch weil die Paderborner Familien das von den Behörden im vergangenen Jahr auferlegte Bußgeld gewissenshalber nicht zahlen können, werden die Eltern nacheinander für 10-15 Tage ins Gefängnis eingesperrt (Erzwingungshaft). Nun war also Frau Olga Block an der Reihe. Am Freitagmorgen, den 06.10., kamen Polizisten zu ihr und sagten:

„Wir haben einen Haftbefehl gegen Sie; wir müssen Sie mitnehmen!" Sie entgegnete:

„Wissen Sie überhaupt, weshalb?"

„Nein."

„Weil ich meine Kinder nicht durch Sexualkunde in der Schule verderben lassen wollte und sie deshalb aus der Schule nahm. Es gibt doch in Deutschland Glaubens- und Gewissensfreiheit – hatten wir gedacht."

Da waren die Polizisten so bestürzt und verabschiedeten sich mit den Worten: „Rufen Sie mal die Staatsanwaltschaft an und hernach uns; wir geben Ihnen noch eine Frist bis Montag." Frau Block telefonierte jedoch anschließend nicht mit der Staatsanwaltschaft – sie wusste, dass das sowieso nichts bringt –, sondern mit ihrem Mann; nach einigen Überlegungen beschlossen sie schließlich, dass sie besser heute noch ins Gefängnis gehen sollte. So sagte sie dann den Polizisten am Telefon:

„Ich geh lieber heute hinein." Diese antworteten:

„Ja, wir haben bei der Staatsanwaltschaft angerufen; leider müssen wir Sie doch festnehmen. Sie werden heute Abend um halb acht abgeholt."

Frau Block war einverstanden. Sie hatte schon seit einiger Zeit für diesen Aufenthalt gebetet, d.h. besonders für die gefangenen Frauen, denen sie dort begegnen würde. Vielen Gläubigen hatte sie gesagt: „Wenn ihr mir etwas schicken wollt, dann schickt mir Traktate für die Gefangenen!" Sie sah diese Inhaftierung als eine Führung des Herrn an, um dort im Gefängnis das Evangelium weitergeben zu können.



Als sie abends abgeholt wurde, behandelte man sie sehr freundlich. Ihr Mann, der in der Zwischenzeit hergereist war, fuhr mitsamt den Kindern im Privatauto hinter den Polizisten her. Vater und Kinder winkten ihrer lieben Mutter noch zu, während sie sich in der Aufnahme befand. Sie war sehr tapfer und mutig. Die Gefängnisleitung verhielt sich ganz höflich; man stellte ihr eine Kiste mit frischer Bettwäsche und Decken usw. hin und fragte: „Haben Sie Hausschuhe? Usw.". Was sie an Gebrauchsgegenständen dabei hatte, durfte sie behalten, außer der Haarbürste, weil man da nicht hineinschauen konnte; stattdessen bekam sie einen Kamm. – Von den mitgebrachten Büchern übergab man ihr ihre Bibel. Ihr Liederbuch wurde ihr auf ihre dringende Bitte hin schließlich auch gewährt, wofür sie sehr dankbar war. Für die beiden anderen Bücher musste sie je einen Antrag stellen und bekam sie erst am nächsten bzw. übernächsten Tag. – Die Beamtin sagte zu ihr: „Wir wissen, dass Ihnen eigentlich eine Einzelzelle zusteht; aber Sie bestehen doch nicht darauf?" Frau Block antwortete: „Nein, ich bestehe nicht darauf."



Als ich Frau Block nach ihrer Entlassung anrief, erzählte sie mir voller Freude, was der Herr getan hatte. Für ihren Bericht wählte ich obenstehenden Bibelvers aus, weil er mir sehr passend erschien. Frau Block sagte:



„Ich bin Gott so dankbar, dass ich dort im Gefängnis sein durfte! Es war alles so ein unverdienter Segen! Es gibt dort so viele durstige Seelen, die uns Gläubige brauchen; besonders die Zigeunerinnen wollten immer mehr von Gott und aus der Bibel hören. Jeden Tag hatten wir ‚Aufschluss' – d.h. von halb eins bis halb fünf durften alle aus den Zellen heraus, um sich im Flur oder in anderen Zellen zu treffen und zu unterhalten. Ich nahm von Anfang an immer meine Bibel mit zu den anderen gefangenen Frauen. Als ich mich am 1. Tag zu diesen Frauen gesellte, die da im Flur zusammen saßen, fragten sie mich gleich, weshalb ich denn hier sei; ich erklärte es ihnen, und sie waren sehr erstaunt. Da sah eine Zigeunerin meine Bibel und bat sehr: ‚Kannst du uns daraus vorzulesen?' Denn sie hatte nie lesen gelernt. Es kamen einige andere Frauen dazu; ich konnte ihnen von Jesus erzählen und aus der Bibel vorlesen, auch Lieder vorsingen; wir hatten eine richtige Evangelisation. Ich war so glücklich! Es wurde mir deutlich, dass es wirklich Gottes Wille war, dass ich hierher kommen musste. – Meine Freundin hatte mir beim Abschied gesagt: ‚Wir beten für dich, dass du so wie nie zuvor die Nähe Gottes erlebst!' Und das war wirklich so! –



Einige Zigeunerinnen waren besonders aufgeschlossen für das Wort Gottes. Sie baten mich: ‚Kommst du in unsere Zelle? Dann können wir noch mehr aus der Bibel hören.' Mehrere Frauen gingen mit hinein. Als es ihnen auffiel, dass ich ein Kopftuch trug, fragten sie: ‚Müssen wir nicht auch eine Kopfbedeckung haben, wenn wir miteinander die Bibel lesen?' Ich gab keine direkte Antwort, sondern zuckte mit den Schultern und lächelte. Da lief die eine Zigeunerin zu ihrem Schrank, nahm alle ihre Handtücher heraus und verteilte sie, damit jede Frau ihren Kopf bedecken konnte. Weil für sie selbst kein Handtuch mehr übrig war, nahm sie zu diesem Zweck einfach einen Pulli. – Ich begann die Versammlung mit Gebet. Dann schlug ich als erstes Johannes 3,16 auf und las:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben."

Daraufhin erklärte ich den Zuhörerinnen diesen wunderbaren Vers. Sie saßen so andächtig da, mit Tränen in den Augen, und nahmen jedes Wort begierig auf. Zwischendurch schaute einmal eine Beamtin herein, sagte aber nichts.



Als ich am nächsten Tag, nach dem 1. gemeinsamen Lesen und Singen, wieder mit den Frauen zusammentraf, sagte eine Zigeunerin: ‚Gestern Abend hab ich mich in meiner Zelle niedergekniet, über meine Sünden geweint und alles Gott im Gebet bekannt.' Ich fragte sie: ‚Glaubst du, dass Jesus für dich gestorben ist?' Sie antwortete: ‚Ja, ich glaube! – Und weißt du, ich hatte früher schon manchmal in der Bibel gelesen, aber nichts verstanden. Wenn ich jetzt die Bibel aufschlage, verstehe ich es schon ein wenig.' Ich sagte ihr noch: ‚Bevor du in der Bibel liest, bete immer, dass der Herr dir Sein Wort aufschließt; dann kannst du es verstehen.' Am nächsten Tag sagte sie: ‚Jetzt hab ich es probiert mit dem Gebet vorm Bibellesen; das hat wirklich geholfen!'



So konnten wir uns – wie der Herr es schenkte – fast jeden Tag zusammen treffen, im Flur, wo wir an Tischen zusammensaßen, oder in der Zelle, und uns über biblische Fragen unterhalten. Ich wartete immer, bis sie mit ihren Fragen kamen; ich wollte ihnen die Botschaft nicht aufzwingen. 5-7 Frauen waren sehr aufgeschlossen. Sie hatten wirklich so einen Durst nach der Wahrheit des Wortes Gottes. Ich durfte lesen und lesen, erklären, singen, – tagaus, tagein. Es war ein großer Segen für mich, und ich denke, auch für die Gefangenen. – Als ich ein Lied anfing zu singen, sagten die Frauen: ‚Das rührt so unsre Herzen an, dass wir direkt Gänsehaut kriegen!' – Ich hab solche Segensstunden erlebt! – Manchmal dachte ich, wenn ich zum ‚Aufschluss' meine Zelle verließ: ‚Was soll ich denn heute mit den Frauen lesen? Ich konnte mich ja gar nicht vorbereiten', denn auch in meiner Zelle hatten wir dauernd geistliche Gespräche. Dann betete ich innerlich, und der Herr schenkte die rechten Gedanken und Worte.



Wenn wir abends auseinander gingen, baten viele Frauen: ‚Bete für mich!' Ich antwortete: ‚Ich hab schon für euch gebetet, bevor ich hierher kam; denn ich wusste ja, dass ich hierher gebracht würde. Und ich werde auch weiterhin für euch beten.' Darüber waren sie auch sehr erstaunt. – Auch mit meinen Zimmerkolleginnen durfte ich viel sprechen, aus der Bibel vorlesen, singen und beten – in der Zelle, in der ich die ersten 1-einhalb Tage verbrachte, und hernach auch in der anderen, in der ich mit einer Zigeunerin allein war; diese war ganz besonders offen. Ich durfte ihr Lieder vorsingen, Traktate geben, mit ihr die Bibel lesen, beten, manchmal bis 1 oder halb zwei Uhr nachts; wenn ich meine Stille Zeit machte und mich dann hinkniete zum Gebet, kam sie öfters zu mir und sagte: ‚Ich will dann auch mitbeten.' Nach einigen Tagen sagte sie: ‚Ich hab schon meine Verwandten gebeten, dass sie mir bei ihrem nächsten Besuch eine Bibel mitbringen.' – Eine Wärterin sagte einmal zu mir, als ich in einer anderen Zelle den dortigen Frauen die Bibel auslegte: ‚Bringen Sie das auch der Frau in Ihrer Zelle bei!' Ich antwortete: ‚Das machen wir schon: miteinander die Bibel lesen.' Da war sie ganz zufrieden. – Meine Zellenkollegin war am letzten Tag traurig, dass ich sie nun verlassen würde, und sagte: ‚Was sollen wir tun, wenn du weg gehst?!' Ich antwortete: ‚Gott bleibt doch bei euch. Betet weiter und lest täglich die Bibel, morgens, noch vor dem Frühstück. Beginnt keinen Tag ohne Gebet und Gottes Wort.'



Es gab zwei junge Gefangene, die sich als Hausmädchen beworben hatten; sie konnten sich dadurch freier bewegen. Sie mussten deshalb Wäsche waschen, flicken und nähen. An einem Tag bemerkte ich, dass da eine Nähmaschine stand, und fragte: ‚Kann hier jemand nähen?' Die Mädchen antworteten: ‚Nein – können Sie für uns einiges damit flicken und nähen?' Sie konnten nämlich nur von Hand nähen. Da half ich ihnen an einem Nachmittag, wofür sie sehr dankbar waren.



Ich bekam so viel Post, an einem Tag waren es über 20 Briefe und Karten, in der ganzen Zeit insgesamt über 100! Zwei Briefe kamen sogar von Kanada! Etwa 30 Briefe konnten mir die Wärterinnen nicht gleich geben; sie sagten: ‚Es ist so viel gekommen; wir können es nicht alles kontrollieren. Wir geben Ihnen diese Post mit, wenn Sie entlassen werden.' Sie steckten das alles in meine Tasche, die sie draußen bei sich behalten hatten. Auch von den Traktaten bekam ich zuerst nur einen Teil, weil sie auch diese ‚kontrollieren' mussten. Am zweitletzten Tag sah ich dort die übrigen Traktate und bat eindringlich: ‚Darf ich diese Schriften entgegennehmen und auch noch hier verteilen?' Schließlich wurden sie mir gegeben. Ich war so froh darüber! Die Inhaftierten freuten sich sehr über die kostbaren Worte darin und über die schönen Karten. Sie wollten außerdem immer wieder hören, was mir geschrieben wurde. Ich las meine Post gemeinsam mit ihnen, und sie waren so bewegt von dem wunderbaren Inhalt derselben. Sie fanden das alles so rührend. Wenn ich auf den Absender schaute, erklärte ich ihnen jeweils, wer das war. Öfters musste ich sagen: ‚Die (bzw. den) kenne ich gar nicht.' Ganz verwundert fragten sie: ‚Wie? Ganz fremde Menschen haben dir geschrieben?!' ‚Ja', antwortete ich, ‚aber das sind alles meine Glaubensgeschwister.' – Die Post, die ich erst bei meiner Entlassung bekam, lasen wir zu Hause miteinander. Manche Briefe kamen erst nach meiner Entlassung an und wurden mir dann nachgeschickt.



Einmal sagte ich zu den Frauen: ‚Eigentlich gehöre ich in das Gefängnis in Gelsenkirchen, weil ich von Paderborn bin. Aber wegen unserer Kinder haben wir hier in Heidelberg ein Haus gemietet und sind hier gemeldet. Deshalb bin ich jetzt bei euch.' Sie waren darüber sehr froh."



Als Frau Block entlassen wurde, standen die beiden Hausmädchen im Flur und verabschiedeten sie freundlich. Draußen hatte sich schon eine ganze Schar von Gläubigen eingefunden, die sie mit Liedern und herzlichem Willkommensgruß empfingen. Die Gefangenen hatten – wo es möglich war – ihre Fenster geöffnet; manche haben Milchglasscheiben, so dass man nicht durchsehen kann. Einige gefangene Frauen waren irgendwie, wohl mit Hilfe eines Stuhls, hochgeklettert zur Fensteröffnung, winkten Frau Block zu, warfen ihr Handküsse zu und deuteten durch ihre Gestik an: „Bete für uns!" Die Lieder konnten sie sicher hören. –



Frau Block möchte sich auf diesem Weg der Weitergabe ihres Berichtes sehr bedanken für die Gebete und die Post und ganz herzlich grüßen. Sie hat es wirklich nicht bereut, dass sie inhaftiert wurde. – Ihre Kinder haben schon großes Verlangen, gemeinsam mit der Mutter die Gefangenen zu besuchen. Frau Block hatte einmal eine Inhaftierte gefragt: „Kommen hier keine Gruppen her zum Singen und Predigen?" Diese antwortete: „Vor längerer Zeit waren mal welche da gewesen." Frau Block wäre sehr froh, wenn sie die Erlaubnis zu einem solchen Besuch bekäme, solange sie noch in Heidelberg wohnen. Vor vielen Jahren war sie als junges Mädchen in der Adventszeit mit ihrer Jugendgruppe, gemeinsam mit Br. Jakob Esau, in Gefängnisse gegangen, wo sie Gottesdienste hielten und dann bei Kaffee und Gebäck Gespräche mit den Gefangenen führten, die für diese Zeit zwischen ihnen saßen. „Das waren segensreiche, schöne Stunden", sagte Frau Block. 



Bevor sie ins Gefängnis kam, traf schon der nächste Bußgeldbescheid ein, weil im vergangenen Jahr die sog. „Schulpflichtverweigerung" eines ihrer Kinder eine Zeitlang nicht entdeckt worden war. Dabei waren die Kinder zu Hause vorzüglich von ihrer Mutter unterrichtet worden. – So wird dieses Ehepaar sicher noch einmal (nacheinander) eingesperrt werden.



Bitte beten Sie dafür, dass infolge dieser meiner Berichterstattung keine Nachteile für die nächsten Inhaftierungen der Paderborner Geschwister entstehen in Bezug auf die Möglichkeiten zur Weitergabe des Evangeliums. Das würde ihnen allen sehr Leid tun. Geben Sie deshalb den Bericht keinen Behördenvertretern! Die Gefängnisleitung soll nicht durch Druck von oben die bisher genehmigten Kontaktmöglichkeiten einschränken. Denn das wäre sehr schade!

Charly  02.03.2015