Frau I.W. im Gefängnis

Lieber Karl,

hier vermitteln wir weiter, was uns Frau I. W. von ihrem Gefängnisaufenthalt erzählt hat.

Wie vor mehreren Wochen berichtet, wurde Frau Wiens am 03.02.2011 verhaftet und für 43 Tage in Erzwingungshaft gebracht. Vor einer Woche (am 17.03.) wurde sie entlassen und erzählte mir jetzt, wie sie diese lange Zeit - sechs Wochen - überstanden hat. Es war nicht einfach für sie als Mutter von 12 Kindern, so lang von ihrer Familie isoliert zu sein.

Das Gefängnispersonal war freundlich zu ihr. Sie durfte ihre Bibel auf ihre ausdrückliche Bitte hin mit in ihre Zelle nehmen; alle anderen Bücher wurden ihr abgenommen. Man sagte ihr, daß sie eigentlich keinen Lesestoff behalten dürfe; sie könne auf Antrag hin eine Bibel von der Gefängnisbibliothek bekommen. Sie bat jedoch sehr darum, ihre Bibel behalten zu dürfen, denn sie wollte unbedingt am selben Abend noch drin lesen, nicht erst nach einigen Tagen, auf einen Antrag hin. Daraufhin erhielt sie die Antwort: "Gut, weil Sie eine Baptistin sind und so großen Wert darauf legen, machen wir eine Ausnahme…" Man brachte ihr auf ihren Antrag hin nach einer Woche einige Bücher vom Gefängnis; doch sie gab sie ungelesen zurück, weil sie merkte, daß es sich dabei nur um Lesestoff handelte, der nicht zur Erbauung dient, sondern zur Zerstreuung. Aber sie erhielt sehr oft Briefe mit wertvollen Anlagen, wodurch sie viel geistlich erbauliche Literatur zu lesen bekam, was sie sehr freute - wie auch ein dicker Packen Kopien aus dem Lebensbild des Waisenhausvaters Georg Müller aus Bristol, die ihre Kinder ihr schickten. - Insgesamt bekam sie in den 6 Wochen ca. 250 Briefe und Postsendungen, wofür sie sehr dankbar ist. Sie bat mich, allen Absendern einen herzlichen Dank von ihr zu übermitteln, besonders für die Gebete. Sie spürte so sehr die Liebe und die Gebete, die mit dieser Post verbunden waren. Sie merkte, wie sie gleichsam auf Gebetshänden getragen wurde. Jeden Tag wurde sie immer wieder dadurch ermuntert. Sie ist beschämt darüber, daß sie nicht auf jeden Brief antworten kann, was sie gern getan hätte, aber leider nicht die Möglichkeit dazu hat. Sie ist jetzt seit einer Woche zu Hause und hat immer noch eine Menge nachzuarbeiten von dem, was in der Zeit ihrer Abwesenheit liegengeblieben ist.

Frau W. konnte einigen mitgefangenen Frauen Traktate weitergeben und manche Gespräche führen. Vormittags nahm sie am einstündigen Freigang teil, nachmittags bekam sie bei dem ‚Umschluß' öfters Besuch von Mithäftlingen, die in ihrer Etage untergebracht waren. Das war auch gerade der Fall, als sonntagnachmittags wieder mal eine große Gruppe von Gläubigen gekommen war und vor dem Gefängnis musizierte, sang und predigte. Die Mitgefangenen fragten: "Was ist das?", und Frau W. erklärte: "Das sind meine ‚Geschwister', die gekommen sind, um mich zu besuchen." Eine Wachhabende kam gerade vorbei und ergänzte: "Frau W. wird jeden Sonntag von einer Blaskapelle besucht…" - Außer am ersten Sonntag, wo dieser Gottesdienst vor dem Gefängnistor stattfand, hörte sie jedes Mal alles sehr gut, denn Herr W. hatte durch Erkundungsgänge um das Gefängnisgelände herum herausgefunden, von welcher Stelle aus seine Frau alles besser hören könnte. Er fand eine Anhöhe, von der aus man den Innenhof und die Fenster der Gefangenen sehen konnte. Da er seine Frau ab und zu besuchen durfte, wußte er, hinter welchem Fenster sie sich befand. Seine Frau freute sich so sehr, als sie bemerkte, daß sie fast jedes Wort verstehen konnte, sogar jede Bibelstelle; diese notierte sie sich sofort und las sie hinterher noch mal nach. Bevor jeweils der Gottesdienst begann, betete sie sehr darum, daß Gott es so einrichten möge, daß der Lärm in den anderen Zellen abebben möge, der durch TV und Kassettenrekorder verursacht wurde, und fast immer half Gott so wunderbar, daß es ringsumher sehr viel leiser wurde, so daß sie ungehindert den Predigten und Liedern usw. lauschen konnte. Sie spürte richtig, wie Gott alles unter Seiner Kontrolle hatte und sie segnete.

Manche Mitgefangenen sagten zu Frau W.: "Du strahlst immer so eine Ruhe und solchen Frieden aus; das hätten wir auch gern. Überall wird so viel gestritten, und du bist immer so ruhig." Frau W. erklärte ihnen dann, daß auch sie diesen Frieden finden dürfen, nämlich bei Jesus Christus. Ab und zu wurden ihr Fragen gestellt, die sie dann beantworten durfte. Manche fragten: "Wieso kommst du überhaupt ins Gefängnis?! Du bist doch ganz anders als wir; du paßt gar nicht hierher!" Sie erklärte dann: "Ich bin Christ; ich möchte Gott wohlgefällig leben. Und es ist mein und meines Mannes Wunsch, daß auch unsere Kinder einen solchen Lebenswandel führen lernen. Deshalb versuchen wir Eltern, sie vor schädlichem Unterrichtsstoff in der Schule zu bewahren…" Viele Frauen waren schockiert, als sie erfuhren, daß Frau W. dafür in Erzwingungshaft gekommen war, weil sie ihre Kinder vor Schlechtem bewahrt hatte, indem sie sie von einigen wenigen Unterrichtungen ferngehalten hatte. Diese Häftlinge brachten ihren Unmut über solche Ungerechtigkeit zum Ausdruck und sagten: "Das ist doch ungerecht, eine Mutter, die sich so für ihre Kinder einsetzt, ins Gefängnis einzusperren, als handle es sich um eine Frau, die ihre Kinder ermordet!" Frau W. erwiderte: "Vielleicht bin ich extra wegen euch hier hereingekommen? Ich weiß nicht, warum Gott es zugelassen hat…"

Die letzten paar Wochen wurden ihr sehr lang, als ob sie einfach nicht vergehen würden, während doch zu Hause eine Woche jeweils im Nu vorbei ist. Nun ist Frau W. froh und dankbar, daß sie wieder bei ihren Lieben sein kann.


Mit freundlichen Grüßen

Charly  18.08.2015