Gefängnisaufenthalt

Lieber Karl,

anbei übersende ich den Bericht vom

Gefängnisaufenthalt von Herrn E.W. und seinem Bruder

Wie am 17.03.2011 berichtet, wurden die Brüder E.W. und A.W. am 15.03.2011 verhaftet und für 40 bzw. 14 Tage in Erzwingungshaft gebracht, die sie hauptsächlich in Hamm absitzen mußten. Am 21.04.2011 (Gründonnerstag) wurde Herr E.W. entlassen. Sie erzählten mir kürzlich, wie es ihnen dort ergangen ist.

Am 15.03. kamen morgens um halb zehn zwei Polizisten mit ihrem Streifenwagen vor ihre Häuser gefahren, zeigten ihnen die Haftbefehle und nahmen beide Brüder mit ins Gefängnis. Sie wurden dann in Hamm in zwei verschiedenen Zellen untergebracht; die Gefängnisse sind so überfüllt, daß Herr E.W. in den ersten drei Tagen eine Zelle mit einem anderen Gefangenen teilen mußte, die nächsten 2 Tage mit drei anderen, die ständig rauchten und vor dem Fernseher saßen. Der Fernseher lief 24 Stunden lang. Das war natürlich nicht leicht zu ertragen. Aber Herr W. hatte sich damit einverstanden erklärt, als ihn die Gefängnisleitung fragte, ob er damit zufrieden sei. So hatte er die Möglichkeit, mit den Gefangenen ins Gespräch zu kommen über Sinn und Zweck des Lebens, und er konnte sie auf Jesus Christus hinweisen, der auch ihr Leben zum Guten verändern will, weil Er sie liebt und die Macht dazu hat. Danach kam er - für die restlichen Wochen - in eine Einzelzelle, die eigens für ihn gründlich gereinigt und neu gestrichen worden war.

In den ersten zwei Wochen traf er sich beim täglichen Umschluß - d. h. für die ca. 2 Stunden, in denen man sich nach Verabredung mit anderen Gefangenen der gleichen Etage treffen darf - jeweils mit seinem Bruder, der seine 14-tägige Haftzeit in einer anderen Einzelzelle absitzen mußte. Morgens nützten beide die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit den anderen Gefangenen beim Freigang, wobei sich manche Gespräche über den christlichen Glauben ergaben. Doch die meisten Gefangenen haben andere Interessen - nämlich Handel mit Drogen.

Ein den beiden Brüdern bekannter rußlanddeutscher Prediger leitet monatlich einmal im Gefängnis in Hamm eine Gesprächsgruppe von russischsprachigen Gefangenen. Herr E.W. konnte zweimal an diesen Versammlungen teilnehmen. Gern kam er der Aufforderung nach, über seinen Glauben in Russisch zu sprechen. Es hatte sich zuvor schon unter den Häftlingen herumgesprochen, daß wieder mal ein gläubiger Rußlanddeutscher unter ihnen sei, der wegen seiner Kinder inhaftiert sei.

Jeden Sonntagnachmittag hielten seine Glaubensgeschwister draußen vor dem Gefängniseingang einen Gottesdienst ab, um Herrn Wiens zu ermutigen. Davon konnte er leider jeweils nur das Blasorchester hören, weil die Zellen nach innen, zum Gefängnishof hin, gebaut sind.

Die Wachhabenden waren die ganze Zeit über meist freundlich. Im Allgemeinen zeigt sich kaum jemand von ihnen den Gläubigen gegenüber abgeneigt. Sie finden es auch selber "komisch", daß heutzutage Menschen ins Gefängnis gesperrt werden, weil sie ihre Kinder vor Unterrichtungen schützen wollen, die den Eltern als schädlich erscheinen. Bei einem Gespräch sagte einer der Bediensteten: "Das kann doch nicht wahr sein, daß Sexualkunde schon im 3. und 4. Schuljahr beginnt!?" Eine andere Aufsichtsperson entgegnete: "Doch! Sicher ist das so! Meine Frau kam gestern von einem Elternabend nach Hause und berichtete von demselben Problem; sie sagte auch, das sei zu früh, aber man könne eben nichts machen." Herr W. kommentierte mir gegenüber: "Die Gesellschaft ist so geprägt und erzogen, daß die Eltern das alles einfach so hinnehmen."

Herr A.W. berichtete, wie es ihm ergangen war, als er von seinem Bruder getrennt und in eine Einzelzelle gesperrt wurde. Zuerst fühlte er sich einsam und niedergeschlagen; doch dann dachte er an die Aufforderung Jesu im Markus-Evangelium (Kapitel 6,31) an Seine Jünger: "Kommt ihr allein abseits an einen einsamen Ort und ruht ein wenig!" Denn Jesus und Seine Jünger waren ständig von Menschen umgeben, die bei ihnen Hilfe in ihren Nöten suchten, so daß sie noch nicht einmal mehr Zeit hatten zu essen. Herr W. war getröstet und wußte: Jetzt war für ihn etwas Ruhezeit dran. Doch im Markus-Evangelium wird weiter berichtet, dass die Menschen bald herausgefunden hatten, wohin die Jünger mit dem Boot fuhren, waren ihnen zu Fuß zuvorgekommen und standen schon am Ufer, als sie ankamen. Als Jesus dort die Menschenmassen stehen sah, hatte Er großes Erbarmen mit ihnen, weil Er sah, daß sie wie verirrte Schafe ohne einen Hirten waren. Herr A.W. schaute, in diese Gedanken vertieft, zum Fenster heraus und sah, daß gerade die Gefangenen, die von ihrer Arbeit zurückkamen, draußen im Hof herumliefen; ihren Gesichtern sah man deutlich an, daß sie wie verlorene, verirrte Schafe sind, die so nötig den Guten Hirten brauchen. Darum nutzte er jede Gelegenheit, die Mithäftlinge auf den Guten Hirten aufmerksam zu machen. Er hatte auch ein Gespräch mit einer Aufseherin, die in seiner Zelle sein Familienfoto mit den 10 Kindern gesehen hatte, über das sie sehr erstaunt war und dann sagte: "Eigentlich passen Sie überhaupt nicht hierher; Sie sind ganz anders als die anderen Gefangenen." Er erklärte ihr daraufhin, warum er inhaftiert sei, und bemerkte dazu: "Gott verfolgt ein bestimmtes Ziel damit, daß Er uns hierher geführt hat. Hier sind so viele Menschen, auch Rußlanddeutsche, die ein Licht brauchen in ihrer Finsternis, einen Anstoß zum Nachdenken darüber, daß es auch ein anderes Leben gibt. Manche von ihnen haben vielleicht gläubige Eltern oder eine betende Großmutter, und durch die Begegnung mit uns werden sie wieder daran erinnert…" Die Aufseherin antwortete: "Es ist gut, wenn man in allen Lagen noch etwas Positives sehen kann."

Zur Entlassung von Herrn E.W. waren ca. 100 Gläubige mit Streichorchester und elektrischem Klavier gekommen, um ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, dass er nun wieder unter ihnen ist und durch die Absitzung der Erzwingungshaft bezeugt hat, dass es ihm wichtiger ist, Gott gehorsam zu sein als Menschen, die ihn zwingen wollten, seine Kinder an schulischen Unterrichtungen teilnehmen zu lassen, die gegen Gottes Wort ausgerichtet sind.

Herr E.W. meinte: Gefängnis ist Gefängnis; dennoch könne er sagen, daß es keine verlorene Zeit gewesen sei. "Ich habe in diesen Wochen die Bibel mal wieder komplett durchgelesen, weil ich alle Bibelstellen suchte, die über zwei bestimmte Themen belehren, nämlich über die Anthropologie (die Lehre vom Menschen) und die Soteriologie (die Lehre vom vollendeten Heil). Ich bin in der Gemeinde als Lehrer eingesetzt und will Bibelkurse über diese Themenkreise halten, die als Grundlage für Predigten äußerst wichtig sind. - Es gibt gewisse Dinge, die wir als Christen einfach so hinnehmen, ohne zu wissen, was Gottes Wort dazu sagt. Wenn man viel mit Menschen und ihren Problemen zu tun hat, muß man auf dem Boden des Wortes Gottes gegründet sein. Man muß an Hand der Bibel nachweisen können, wie man das Heil erwirbt und Heilsgewißheit bekommt, und wo beim Fehlen derselben die Hindernisse liegen."

Er berichtete weiter, daß er in diesen Wochen ca. 200 Postsendungen bekommen habe. "In manchen Umschlägen steckten mehrere Briefe. An manchen Tagen erhielt ich so viele Briefe, daß ich etwa zwei Stunden lang am Lesen war. Manche hatten mir auch Schriften zur Überprüfung ihres geistlichen Gehaltes geschickt. So hatte ich auch Arbeit, die ich gerne erledigte. Es kam aber nicht nur Post zu mir ins Gefängnis, sondern ich schrieb auch manche Briefe aus meiner Zelle hinaus in die Freiheit, insbesondere aber zu meinen Kindern und meiner tapferen Frau. So war die lange Zeit in der Einzelzelle gut ausgefüllt."

Auf die Frage hin, wie sein Chef in seiner Firma mit dem Problem seiner erzwungenen, langen Abwesenheit zurechtgekommen sei, antwortete er: "Er kam ziemlich in Schwierigkeiten; der größte Teil der für jene Zeit vorgesehenen Arbeit blieb liegen. Er versuchte sechs Wochen lang jemanden zu finden, der an meiner Stelle einspringen könnte, aber ohne Erfolg."

Über all diese Geschehnisse konnte Herr E.W. sagen: "Gott legt uns eine Last auf, aber Er hilft uns auch - wie es in Psalm 68,20 heißt."


Mit freundlichen Grüßen

Christa Widmer
(Mitarbeiterin von Schuzh e.V.)


PS: Bitte die Namen nicht ausgeschrieben im Internet veröffentlichen!

Charly  18.08.2015