Herr T. in Erzwingungshaft

Lieber Karl,

Bericht von Herrn T. über seine Erzwingungshaft

Herr T., der seit dem 19.11.2010 für 21 Tage in Erzwingungshaft war, bedankt sich sehr herzlich für alle Briefe, Kleinschriften und Neue Testamente (=NT); er hat alles bekommen. Um Postsendungen im Gefängnis zu erhalten, ist es wichtig zu wissen, daß sie nicht dicker als 2 cm sein dürfen. Ein kleines NT, zusammen mit 2 Broschüren und einer Karte, ergibt dieses Format. Herr T. hatte gleich in den ersten Tagen mit einer Aufseherin über die für ihn eingehende Post gesprochen und sie gebeten, ihm immer alles davon zu geben und nichts zurückzuhalten, was sie dann auch versprach. Er fand es so schade, daß in den einzelnen Zellen noch nicht einmal NTs liegen; es gab Gefangene, die auf seine diesbezügliche Frage hin gern eines wollten. In den Freistunden auf dem Gefängnishof und beim sogen. Umschluß hatte er viele Möglichkeiten, anderen Häftlingen den Herrn Jesus und Seine Liebe zu bezeugen. Sie waren i. Allg. offen für Gespräche.

Herr T. erzählte:
Einige Tage vor meiner Verhaftung kamen zwei Polizeibeamte zu uns nach Hause und teilten mir mit, daß ich am Freitag um 8 Uhr morgens abgeholt würde und mich dazu bereithalten sollte. Das sagte ich dann auch meinem Chef, den ich schon seit etlichen Monaten darauf vorbereitet hatte. Ich hatte ihm den Grund meiner Erzwingungshaft genannt und hatte gesagt: "Ich wurde verurteilt ‚Im Namen des Volkes'." Er antwortete: "Zu diesem Volk, das dich verurteilt, gehöre ich nicht."

Am Freitag wurde ich dann kurz nach 8 Uhr abgeholt. Gleich darauf fuhren wir zu Herrn W., der mit mir zusammen seine 21 Tage Erzwingungshaft absitzen sollte. Wir wurden zuerst nach Büren gebracht, wo die verschiedensten ärztlichen Untersuchungen stattfanden. Es wurde uns gesagt, wir kämen dann gleich nach Hamm.

Aber weil sich alles so lang hinzog, brachte man uns für das Wochenende ins Gefängnis nach Bielefeld. Das ist ein altes Betongebäude. Die Zellen sind ziemlich kühl, denn die Heizkörper lassen sich nicht aufdrehen; sie waren nur lauwarm. Draußen wurde es schon sehr kalt; der Winter stellte sich in diesem Jahr ziemlich früh ein. Die Fenster hatten keine Doppelverglasung. Die Toiletten waren in der Zelle, also nicht abgeteilt; es war alles ziemlich eng. Es gab nur ein Etagenbett, zwei Stühle und einen Tisch. Nachts mußten wir in den Kleidern schlafen, um nicht zu frieren. Nur ein Mal pro Tag wurde das Essen gebracht - also für alle drei Mahlzeiten gleichzeitig. Darum war natürlich abends der Tee schon kalt. Doch wir hatten uns glücklicherweise von zu Hause einen Tauchsieder und Teebeutel mitgebracht, so daß wir uns jederzeit heißen Tee zubereiten konnten. Geschirr stellte man uns zur Verfügung. Der Gefangene in der Zelle nebenan, der schon jahrelang einsitzt, sagte, daß solche Zellen eigentlich in Deutschland nicht erlaubt seien; deshalb habe er eine Beschwerde geschrieben, die er seinem Rechtsanwalt geben will. - Drei Nächte und zwei Tage verbrachten wir dort. Am Sonntag hörten wir etwas von dem Beginn des Gottesdienstes, den die Glaubensgeschwister aus verschiedenen Gemeinden vor dem Gebäude veranstalteten; wir konnten einige Lieder verstehen, besonders das Lied des Blasorchesters; doch dann wurde es in den Zellen der andern Gefangenen wieder so laut, weil sie sich oft von Zelle zu Zelle laut miteinander unterhalten bzw. etwas zurufen, in allen möglichen Sprachen, einer lauter als der andere. In allen Gefängnissen haben die Insassen diese Gewohnheit. Oft herrscht durch dieses Geschrei solch eine Unordnung, daß die Wärter nicht wissen, was sie dagegen tun können.

Am Montagmorgen fuhren wir um 8 Uhr los, um in die JVA Hamm zu gelangen. Erst um kurz vor 12 kamen wir dort an, weil wir zwischendurch verschiedene andere Gefängnisse anfuhren, aus denen etliche Insassen mitgenommen wurden. In der JVA Hamm saßen wir einige Stunden im Warteraum. Dort hatte ich ein Gespräch mit einem türkischen Gefangenen aus Köln. Als er den Grund meiner Inhaftierung erfuhr, sagte er: "Gegen uns versucht der Schulleiter gar nichts zu unternehmen; wenn wir sagen, daß wir dies und jenes nicht mitmachen, bekommen wir keinerlei Widerspruch." Ich habe Briefkontakt mit ihm.

Man fragte uns bei der Ankunft, weshalb wir verurteilt wurden. Wir begannen mit unseren Erklärungen; doch gleich unterbrach uns der Bedienstete: "Ach so, alles klar! Wir wissen Bescheid. Das ist jetzt schon oft passiert." Wir bekamen dann Gefängniskleidung und wurden gefragt, ob wir nichts dagegen hätten, in eine Zweierzelle gebracht zu werden. Wir antworteten, wir wollten nur nicht in einer Zelle sein, in der geraucht und Fernsehen geschaut wird. Da schlug man uns vor, uns beide gemeinsam in eine Zelle zu setzen, worüber wir natürlich sehr froh waren. - In Hamm herrschen recht gute Verhältnisse: die Zellen sind ziemlich sauber und schön warm, denn man kann die Heizkörper selber aufdrehen; so kann man sogar ohne Jacke dasitzen. Die Räume sind hoch gebaut, etwa 2,70 bis 2,80 m. Die Toiletten sind abgetrennt und mit Lüftung versehen, die Fenster sind isoliert. Wir hatten mit dem Personal keinerlei Probleme, denn es war immer freundlich und höflich zu uns - auch zu den andern Gefangenen, wenn diese nicht gerade frech waren.

Am Mittwochnachmittag kam der Abteilungsleiter und sagte, er habe eine gute und eine schlechte Nachricht für uns; wir sollten entscheiden, welche wir zuerst hören wollten. Doch wir antworteten, das sei ihm völlig freigestellt. Da sagte er: "Herr W. wird entlassen; aber er muß in 10 Minuten seine Sachen gepackt haben. Er soll sich beeilen, weil das Personal um 16 Uhr Feierabend hat. Herr T. muß aber hier bleiben." Um kurz nach 4 Uhr stand Herr W. schon vor der Gefängnistür. Den Grund seiner Entlassung hatte man ihm nicht genannt. Er hat später bei der Staatsanwaltschaft angerufen und dabei erfahren, daß seinem Eilantrag auf Aufhebung der Erzwingungshaft, den er schon vor der Verhaftung hingefaxt hatte, stattgegeben wurde. In diesem Antrag hatte er auf ein Schreiben an die Schulbehörde Paderborn verwiesen, in dem u. a. 23 Rechtsverstöße aufgezählt wurden, die in den Verfahren gegen ihn und andere Eltern, die ihre Kinder aus Gewissensgründen an bestimmten Unterrichtungen nicht teilnehmen ließen, begangen wurden.

Einen Tag nach der Entlassung von Herrn W. schickte auch ich denselben Eilantrag per Fax an die Staatsanwaltschaft. Die Antwort, die ich eine Woche später erhielt, lautete: Man habe den Antrag ‚zu den Akten gelegt' - d. h. leider (wie der Abteilungsleiter mir erklärte): ‚in die Schublade geschoben'. Drei Tage nach meiner Entlassung bekam ich die Nachricht: Da ich ja nun entlassen sei, erübrige sich die Bearbeitung des Antrags.

Als Herr W. entlassen war, blieb ich bis Sonntag allein in der Zweierzelle. Am Montag brachte man mich dann in eine Einzelzelle. - In den Freistunden hab ich mich mit mehreren rußlanddeutschen Gefangenen jüngeren Alters bekannt gemacht; die Ursache ihrer Verhaftung hatte fast immer mit Drogen bzw. mit dem Problem der Beschaffung derselben zu tun (Diebstahl, usw.). Ich konnte mit vielen sprechen. Die meisten waren offen fürs Evangelium; natürlich gab es immer auch welche, die schimpften. Einer sagte, er habe eine gläubige Mutter, die für ihn betet.

In den Freistunden besprechen die Gefangenen auch miteinander, mit wem sie sich abends beim sogen. Umschluß treffen wollen. Es handelt sich dabei um zweistündige Besuche in anderen Zellen. Die Aufseher notieren sich die Besuchswünsche und führen dann die Gefangenen wunschgemäß zusammen. So lud ich immer wieder andere zu mir ein, und es kamen etliche. Das ist jedoch immer nur für die Gefangenen möglich, die auf derselben Etage untergebracht sind. So konnte ich mich mit diesen Besuchern in aller Ruhe unterhalten, wobei viele nach meinem Glauben fragten und wissen wollten, was in der Bibel steht. Manche wurden sehr nachdenklich, als ich ihnen sagte, dass es einen Gott gibt, der sie erschaffen hat, sie liebt und sie erretten will von ihrem Sündenleben durch den Glauben an Jesus Christus, dessen Kommen in diese unsere verlorene Welt wir an Weihnachten feiern, und der die Sündenschuld von allen Menschen am Kreuz gesühnt hat. Die meisten Gefangenen wußten nichts von dem Wunder, daß Gott in unser Fleisch kam und am Kreuz für uns starb und wieder auferstanden ist. Einer jedoch sagte, daß er aus einer Familie kommt, in der alle Familienmitglieder an Jesus Christus glauben und in einer christlichen Gemeinde sind. Nur er war in die Welt gegangen und auf die schiefe Bahn geraten. Er sagte mir: "Ich weiß, daß nur Jesus aus meinem verpfuschten Leben ein lebenswertes machen kann."

Von den vor den vor dem Gefängnis gehaltenen Gottesdiensten konnte ich jeweils nur die Lieder, vor allem die mit Posaunen gespielten, hören; da mir die Worte bekannt sind, wurde ich dadurch immer sehr getröstet und im Glauben gestärkt, wofür ich sehr dankbar war.

Den Sinn des einen Liedes, das es leider nur in Russisch gibt, möchte ich gern hier wiedergeben: "Leben für Jesus, Sterben mit Ihm - ein besseres Teil kann man sich nicht wünschen. Es lohnt sich, sich zu demütigen und sich dafür hinzugeben, dafür das ganze Leben einzusetzen." Ein anderes Lied sagte folgendes aus: "Christus ist in diesem Leben auf Erden die Hoffnung der Herzen, die der Herr gerettet hat."

Die Aufseherin, die mich entließ und die auch den Gottesdienst vor dem Gefängnis mitbekommen hatte, fragte mich: "Wurde dieser Gottesdienst für Sie veranstaltet?" "Ja", antwortete ich. Die Treue der Gemeindeglieder beeindruckte sie sehr - dass Menschen weder die Reise nach Hamm noch das kalte Wetter scheuten; manche waren auch von weit her gekommen, obwohl es an jenem Tag heftig schneite. Sie bemerkte noch: "Wir haben in der Schule unseres Ortes auch Kinder, die dieses und jenes nicht mitmachen; aber bis jetzt wurde dafür noch niemand bestraft."

Nach meiner Entlassung (am Donnerstag, den 09.12.2010) rief ich gleich meinen Arbeitgeber an; er sagte, ich solle jetzt übers Wochenende noch zu Hause bei meiner Familie bleiben und erst am Montag wieder zur Arbeit kommen. Anschließend kam er zu uns nach Hause und brachte für unsere Kinder eine große Tüte voller Bonbons mit. Wir unterhielten uns mit ihm bei Kaffee und Kuchen. Er ist in keiner Weise böse über unsere Einstellung, obwohl meine lange Erzwingungshaft von 21 Tagen Nachteile für die Firma brachte. Einiges an Arbeit war liegen geblieben. So konnte der begonnene Bau nicht - wie geplant war - vor dem Wintereinbruch fertiggestellt werden, weil ich als Vorarbeiter fehlte und weil auch noch ein Mitarbeiter erkrankt war. Der Bauleiter sagte, daß die Regierung mit diesen Methoden der Erzwingungshaft gegenüber uns etwas ganz Verkehrtes macht.

Doch wenn auch manche unter den Behörden es böse mit uns meinen - Gott läßt uns alles zum Besten dienen. Ich habe den Eindruck, daß man als Mitgefangener unter den andern Gefangenen - als einer, der ihr Schicksal teilt, unter ihnen wohnt, mit ihnen zusammen eingesperrt ist, auf dem Gefängnishof mit ihnen Schulter an Schulter steht, die gleiche Kleidung trägt und das gleiche Essen bekommt - viel eher Zugang zu den Herzen der Insassen hat, im Unterschied zu jemandem, der in der Freiheit lebt und zu Besuchsdiensten herkommt - wie z.B. Br. Kröker, ein lieber Bruder aus Augustdorf, der sich sehr viel Mühe gibt und ein Herz voller Liebe zu den Gefangenen hat. Er darf jede zweite Woche für 2-3 Stunden Besuche im Gefängnis in Hamm machen. Er darf jedoch nicht von Zelle zu Zelle gehen; es wird nur immer die Uhrzeit angegeben, wann er wieder kommt, und an Gesprächen interessierte Gefangene können sich dann jeweils bei ihm melden. Aber bisher zeigten nur wenige von ihnen Interesse. Doch wie mir nun ein junger Häftling (32 Jahre alt), mit dem ich weiterhin Briefwechsel habe, mitteilte, kamen jetzt an Weihnachten fast alle russischsprachigen Gefangenen, mit denen ich Kontakt hatte, zu Herrn Kröker.

Gestern (28.12.2010) erhielt meine Frau den Bescheid, daß das Amtsgericht auch für sie eine entsprechende Erzwingungshaft vorgesehen hat. - Wir haben 9 Kinder; das älteste wird jetzt 14 Jahre, das jüngste wird in einigen Tagen erst 9 Monate.

Frau W., die Ehefrau von Herrn H. W., der vor einigen Wochen für 40 Tage in Erzwingungshaft genommen war, hat den Bescheid bekommen, daß nun auch sie für 40 Tage in Erzwingungshaft kommt. Sie hat 12 Kinder; das jüngste ist in der 3. Klasse."


Wir wollen weiterhin dafür eintreten, daß auch diesen Eltern, die ihre Kinder zu loyalen Staatsbürgern erziehen und niemandem etwas zuleide tun, Religionsfreiheit gewährt wird. Die Kinder dieser Eltern besuchen die Schule regelmäßig; sie achten und respektieren Lehrer wie Mitschüler. Sie nehmen nur an einzelnen Projekten nicht teil, weil diese gegen ihr und ihrer Eltern Gewissen verstoßen.



Mit freundlichen Grüßen

Charly  18.08.2015